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Das Ensemble
der Karnevalsgesellschaft Ützchen und Knützchen
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________________________________vorgestellt von Chantal Louis
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Käthe Krüstchen
Sie ist mit einem Narrenkäppchen geboren, ihr Herz schlägt im Takt des Trömmelchens, in ihren Adern fließt Kölsch. Kurz: Der Fasteloovend ist ihr Leben. Und so führte ihr karnevalistischer Werdegang sie geradewegs zu ihrem Traumberuf, ach was, ihrer Berufung und Bestimmung: der Präsidentschaft der „KG Ützchen und Knützchen“, deren gewählte Präsidentin Käthe Krüstchen nunmehr im sechsten Jahr ist. Und genau genommen ist sie im Kreise ihrer sehr speziellen Lieben - nicht immer Meisterinnen des Überblicks - auch „die einzige, die für den Job in Frage kommt“. Der Würde ihres Amtes verleiht sie mit ungebremstem Frohsinn, funkelndem Frack und einer bienenkorbartigen Hochsteckfrisur Ausdruck. Neben der präsidialen Präsentation der Nummern der Schnittchensitzung und dem gebührenden Empfang des Dreigestirns der KG Uckerath widmet sich Käthe mit Begeisterung dem kölschen Liedgut. Ihre gesanglichen Darbietungen sind legendär und reichen von der traditionellen Interpretation beliebter Gassenhauer bis zur mutigen Coverversion. Ist das Abschlusslied der letzten Schnittchen-Sitzung gesungen, fällt Käthe Krüstchen in einen Zustand „todtrauriger Glücksseligkeit“. Und nach nur 24 Stunden Schlaf ist sie "bereit für die nächste Session".
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Marlies
Man mag es ihr nicht zwingend ansehen, aber Marlies besitzt eine bedeutende karnevalistische Kernkompetenz: Nichts, aber auch gar nichts kann ihre gute Laune trüben: „Wo Stimmung ist, bin ich dabei!“ Ihre Begeisterungsfähigkeit kennt keine Grenzen, außer der, die ihr stets akkurat sitzendes Sakko ihr auferlegt. Dass 2011 das Jahr der Frauenfußball-Weltmeisterschaft ist, kommt Marlies sehr entgegen, denn in ihrer Wahrnehmung ist die Jeckin mit dem Hang zur freudigen Selbstüberschätzung sowieso dauernd gefühlte Weltmeisterin - in welcher Disziplin auch immer. Die Schnittchensitzung ist ihr ganzer Stolz. Bei Marlies fließen reichlich Tränen, wenngleich die mit dem Inhalt ihrer stets mitgeführten Kleenex-Box postwendend spurlos beseitigt werden. Ordnung muss sein. Marlies weint vor Rührung, Freude, Begeisterung. Kurz: „Wenn es besonders schön ist.“ Was ja bei der Schnittchensitzung quasi immer der Fall ist. |
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Finchen
Wer immer noch nicht verstanden hat, warum Karneval und Katholizismus zusammengehören, wende sich an Josefine, genannt Finchen. Ihr Motto: „Die Sau rauslassen, solange es keiner sieht. Man kann es ja hinterher beichten.“ Was Finchen in ihrer Jugend mit den Nonnen in ihrer Umgebung trieb, bleibt ihr offenes Geheimnis. Es ist, wie viele andere Geheimnisse, nachzulesen im von ihr herausgegebenen Lesbisch-Kölschen Klatschblatt. Eins steht jedenfalls fest: „Wäre ich nicht lesbisch, wäre ich Päpstin geworden!“ Da dieses coole Kostüm gerade ihr Namensvetter Josef trägt, stellen sich für Josefine neue Herausforderungen: Wird sie es in dieser Session schaffen, das „Gegrüßet seist du, Maria“ dreimal hintereinander auszustoßen ohne zu atmen, wie sie es in ihrer Jugend mühelos konnte? Wird sie auch diesmal wieder im Wildseidenkleid ihrer verblichenen Mutter die Transpirations-Rangliste des Ensembles als ungeschlagene Nummer 1 anführen? Wird die Bremse ihres Rollators auch diesmal einwandfrei funktionieren, so dass Finchen unfallfrei auf seiner Sitzfläche knien und beten kann? Für die Jeckin mit dem biblisch-feministischen Namen sind die Schnittchen-Sitzungen gewissermaßen ihre persönlichen Passionsspiele. Nur lustiger. Also: Lasset die Lesben zu ihr kommen. |
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Hilde
In jeder Session stellen sich ihre Mitjeckinnen erneut die Frage: Wo herrscht größere Verwirrung – in Hildes voluminösem Haupthaar oder in ihrem verpeilten Hirn? Die Karnevalsgesellschaft „Ützchen und Knützchen“ kann von Glück sagen, dass Hilde überhaupt unter ihnen weilt. Denn den Weg in den Sitzungssaal findet sie jedes Jahr aufs Neue nur mit fremder Hilfe: Um Punkt 18 Uhr wird sie von Jeckin Gertrud von ihrer Lieblingsserie vom Fernseher weggerissen und auf die Bühne entführt. Was sie dort soll, weiß Hilde nicht wirklich, ebenso ist ihr schleierhaft, „warum die Frauen alle so komisch aussehen“. Dass das auch für sie selbst gilt, da ihr bei all der unverständlichen Hektik keine Zeit zum Umziehen blieb und sie daher im Homedress, sprich: Bademantel einmarschiert, dringt nicht in ihr Bewusstsein. Eigentlich würde sie gern wieder gehen, zumal ihr zweifelhaft scheint, dass sie „wirklich Mitglied in diesem Karnevalsverein ist“, wie die anderen standhaft behaupten. Das scheitert an der Tatsache, dass Hilde keinen Schimmer hat, wo sie sich befindet. Und so bleibt sie mit wirren Haaren und wirrem Blick: auf der Bühne und in ihrem Zustand geistiger Umnachtung – der ja im Grunde der Zustand jeder guten Karnevalistin zu fortgeschrittener Stunde ist. |
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Jennifer
Sie sieht aus wie Sue Ellen aus „Dallas“ heute aussähe, wenn sie seit den 80ern niemals den Friseur gewechselt hätte. Und tatsächlich: Jennifer hat eine unbestimmte Zeit ihres Lebens in den USA verbracht, und zwar „in Großstadtnähe“. Nach ihrer Rückkehr wurde sie von der Karnevalsgesellschaft „Ützchen und Knützchen“ aufgrund ihrer Weltgewandtheit vehement zur Mitgliedschaft aufgefordert. Seither bemüht sich die Heimgekehrte unermüdlich, ihren Mitjeckinnen die Provinzialität auszutreiben und die Veranstaltung etwas cosmopolitischer auszurichten. Dass ihre Kolleginnen sich weigern, die Schnittchen-Sitzung in „The Sandwich-Show“ umzubenennen, frustriert Jennifer, aber als Quasi-Amerikanerin kennt ihr positives Denken keine Grenzen. So ist sie der festen Überzeugung, der maßgebliche Publikumsmagnet zu sein, der die Massen in den Sitzungssaal strömen lässt. Sie und ihre Hündin Jessi, die sie stets in ihrer Handtasche mitführt und die mit ihren Strasshalsbändern Jennifers „Lust am Schönen“ teilt. Jennifers typische Handbewegung sind ihre weit ausgebreiteten Arme, mit denen sie ihr Publikum empfängt, denn: „Die sind schließlich alle meinetwegen da!“ An der Umbenennung der „Ützchen und Knützchen“ in „Jennifer and the Breadcrumbs“ arbeitet der Sitzungs-Star noch. |
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Helga
Es ist eine echte Herausforderung, eine karnevalistische Massenveranstaltung zu überleben, wenn man, wie Helga, eine Bazillen-Phobie sowie eine ausgeprägte Abneigung gegen Staub und Gerüche hat. Aber: Es hilft bei der Kostümwahl. Die gelben Gummihandschuhe zum roten Ganzkörper-Anzug schützen vor ungewollten Berührungen mit ihren Ützchen-Kolleginnen, für Helga allesamt potenzielle VirenträgerInnen. Die Fliegermütze macht aus der empfindlichen Kopfpartie eine vakuumverpackte Sicherheitszone. Auch die Requisiten sind zwingend: Mehrere Dosen mit Duftspray und Desinfektionsmitteln müssen ebenso dabei sein wie das obligatorische Wischtuch, und auch der Toilettenduft-Halter macht sich gut als Brosche am Revers. Im Grunde ihres Jeckinnen-Herzens aber wünscht sich Helga nichts sehnlicher, als sich ihre Gummihandschuhe vom Leib zu reißen und ihren Schutzschild aus Sprühnebel einmal zu durchbrechen. Das ist schwierig, denn zu große Ausgelassenheit – zum Beispiel die ihrer Mitjeckinnen – ist der Liebhaberin festgefügter Strukturen zutiefst suspekt. Dennoch: In seltenen Momenten kommt es zu einer emotionalen Implosion, der Helga durch das ekstatische Versprühen von Lavendelduft Ausdruck verleiht. Der Höhepunkt einer jeden Schnittchensitzung. |
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Luise
Sie ist eine Mischung aus einer naiven Ausgabe von Doris Day und Angela Merkel. Erstere wäre zweifellos neidisch auf Luises Kleid mit dem raffinierten Pünktchenmuster sowie die akkurate Außenwelle, die die berühmte Schauspielerin trotz zahlloser Set-Friseure niemals in dieser Perfektion erreichte. Auch die, zumindest bei Luise nicht ganz freiwillige, Jungfräulichkeit verbindet die beiden: Was Doris in der Vergangenheit überzeugend auf der Leinwand verkörperte, hat Luise erfolgreich in die Gegenwart gerettet. Und gehemmt wie das Mauerblümchen unter den „Ützchen und Knützchen“ ist, wird ihr gewisses Etwas wohl auch in Zukunft konserviert bleiben. Mit der Kanzlerin eint Luise ihre Neigung zur begrenzten Bewegung, die fast nie über die eigenen Körpergrenzen hinausreicht. Auch wenn sie sich manchmal noch so sehr bemüht. Aber natürlich gibt es auch bedeutende Unterschiede zwischen Angela und Luise: 1. Statt Schwarz-Gelb bevorzugt Luise Rot-Weiß. Sie will schließlich nicht aussehen wie ein Kartoffelkäfer. 2. Die Kanzlerin spielt erst in der zweiten Session, Luise ist bereits in der fünften dabei und im Gegensatz zur Regierungschefin strahlt sie immer über beide Ohren. 3. Während die Kanzlerin über abnehmende Publikums-Begeisterung klagt, ist bei der in Windeseile ausverkauften Schnittchen-Sitzung das Gegenteil der Fall. |
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Gertrud
„Alles fließt“ heißt es bei den alten Griechen. „Alles fliegt“ heißt es bei der jecken Gertrud. Die Karnevalistin mit der kasparesken Zipfelmütze hüpft, tanzt, winkt, als ob es die Erdanziehungskraft nicht gäbe und grinst, lacht, frohlockt, als ob die Session nie zu Ende ginge. Wenn es nach ihr ginge, würde sie sich „die ganze Zeit kaputtlachen“, und so gelingt ihr nur mit äußerster Willensanstrengung, sich an die während der Nummern auf der Bühne herrschende Schweigepflicht zu halten; noch schwerer fällt ihr die Akzeptanz des entsprechenden Stillhalteabkommens. Gleichzeitig liegt ihr das Gelingen der Schnittchensitzung so sehr am Herzen, dass sie stets ein waches Auge auf ihre Mitjeckinnen hat, damit die nicht im Eifer des Gefechts versehentlich aus der Reihe tanzen. Ihr besonderes Augenmerk hat dabei die wirre Hilde, deren Orientierungslosigkeit besonders groß ist und die Gertrud vor jeder Sitzung zu Hause abholt. Gertruds ganze Leidenschaft aber gilt den kölschen Tön, eine Passion, die sie mit Käthe Krüstchen teilt und die bei jeder Sitzung Ausdruck in einem Liedblock findet, der das Publikum über Tische und Bänke tanzen lässt. Wie gesagt: Stillstand ist nicht Gertruds Sache. |
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